Mirlinda Sani 3

Der Weg zum Kreislauf: Biologisch abbaubare Nitrilhandschuhe am Flughafen Zürich

Einweghandschuhe sind im professionellen Reinigungsumfeld oft nicht «nice to have», sondern Pflicht: Hygiene, Arbeitssicherheit, Prozessstandard – gerade in sensiblen Bereichen wie Aviation. Gleichzeitig ist es genau so ein Produkt, das in der Nachhaltigkeitsdiskussion schnell unter Druck kommt: hohe Stückzahlen, kurze Nutzungsdauer, am Ende Abfall. Am Flughafen Zürich hat Vebego deshalb gemeinsam mit SWISS und dem Partner LTE GmbH geprüft, ob Nitril-Einweghandschuhe so eingesetzt werden können, dass sie nicht nur schützen, sondern auch messbar zu einer besseren Umweltwirkung beitragen – ohne Kompromisse bei Sicherheit und Handling.

In der Luftfahrtbranche fallen täglich Tausende Einwegprodukte an – darunter auch Nitrilhandschuhe, die in der Reinigung und im Service unverzichtbar sind. Doch herkömmliche Nitrilhandschuhe bestehen aus synthetischem Gummi, der sich über Jahrhunderte nicht zersetzt. Die Folge: Mikroplastik, CO₂-Emissionen, Umweltbelastung.

Ausgangslage: Viel Verbrauch, wenig Spielraum

Wir tragen Handschuhe nicht aus Gewohnheit, sondern weil Prozesse und Anforderungen es verlangen. Wer hier an der falschen Stelle spart, riskiert Fehlanwendungen, Qualitätsverluste oder sogar Sicherheitsprobleme. Darum war unsere Leitfrage nicht, ob wir Handschuhe weglassen können, sondern wie wir ein unvermeidbares Verbrauchsprodukt konsequent besser machen können. Es ging darum, unsere Verantwortung für Mensch und Umwelt auch dort wahrzunehmen, wo Hygiene und Einwegprodukte scheinbar alternativlos sind.

Von Beginn weg standen für uns drei Punkte fest:

  • Schutz und Komfort müssen mindestens gleichbleiben.
  • Die Lösung muss operativ funktionieren (Logistik, Entsorgung, Schulung).
  • Die Wirkung muss nachweisbar sein – nicht nur gefühlt.
Analyse und Kriterien: Was muss eine Alternative können?

In der Bestandesaufnahme haben wir den Handschuheinsatz entlang des gesamten Lebenszyklus betrachtet: Produktion, Transport, Nutzung, Entsorgung. Daraus haben wir klare Kriterien abgeleitet: 

  • Material / Performance: Nitril bleibt Nitril – unsere Teams brauchen das gleiche Gefühl, die gleiche Reissfestigkeit, den gleichen Schutz.
  • Chemische Sicherheit: keine unerwünschten Inhaltsstoffe, die im Betrieb kritisch wären.
  • Nachvollziehbarkeit: ein System, das Mengen, Wege und Einsparungen dokumentiert.
  • Entsorgungslogik: nicht «irgendwie anders», sondern ein klarer Prozess, der im Alltag funktioniert. 

Ein wichtiger Punkt war auch, wie biologisch abbaubar belastbar definiert ist. Gemeinsam mit der LTE GmbH wurde ein innovatives Produkt eingeführt: biologisch abbaubare Nitrilhandschuhe, die sich unter anaeroben Bedingungen innerhalb von 90 Tagen zersetzen – wissenschaftlich geprüft nach ASTM D5511 1, eine Methode, die anaerobe Bedingungen (ohne Sauerstoff) und hohen Feststoffgehalt abbildet und die Biodegradation über die entstehende CO₂- und Methanproduktion berechnet. In den Unterlagen sind zudem Mikroskopievergleiche vor/ nach 135 Tagen dokumentiert. 

Konzept: Handschuh + Kreislaufsystem statt "Besserer Abfall"

Der entscheidende Unterschied zu vielen Alternativen ist nicht nur das Produkt, sondern das Gesamtsystem dahinter. Vebego und LTE entwickelten einen geschlossenen Nachhaltigkeitskreislauf. Das Konzept besteht aus drei Bausteinen:

 

  1. Biologisch abbaubare Nitrilhandschuhe als Ersatz für herkömmliche Nitrilhandschuhe: Schutz und Komfort bleiben gleich, das Material ist für einen definierten Abbauprozess ausgelegt. Sie werden in der Schweiz per Elektrofahrzeug ausgeliefert.

  2. Sammlung im Betrieb über LTE Bio-Boxen: Damit das System funktioniert, müssen gebrauchte Handschuhe nach dem Einsatz konsequent in die vorgesehenen Sammelboxen. Dafür haben wir eine einfache, klare Anleitung für die Teams: warum das wichtig ist und wie die Entsorgung richtig läuft. Genau diese letzte Meile entscheidet über Wirkung oder Wirkungslosigkeit.

  3. Verwertung im definierten Prozess: Die gesammelten Handschuhe werden zur Anlage in Deutschland transportiert und dort in einem anaeroben Prozess abgebaut. Dabei wird Biogas erzeugt, das wiederum in die Produktion neuer Handschuhe zurückfliesst – der Kern der Kreislauflogik. 
Mirlinda Mit Eimer (2)
Umsetzung am Flughafen Zürich: Was im Alltag wirklich zählt

Der Start unseres Piloten war am 16.5.2024, die erste Phase lief über drei Monate. Uns ging es dabei nicht darum, ein neues Produkt zu testen, sondern ein Betriebsmodell zu etablieren: 

  • Sammelboxen an sinnvollen Standorten (nicht dort, wo es auf dem Plan schön aussieht, sondern dort, wo man sie im Stress wirklich nutzt) 
  • kurze Instruktion und wiederholte Erinnerung (Teams wechseln, Schichten wechseln, Routine schlägt Plakat) 
  • Klare Erwartung: Nur wenn die Entsorgung stimmt, stimmt das Ergebnis. Unsere Erfahrung: Nachhaltigkeit scheitert selten an Technologie – sondern daran, ob sie in 30 Sekunden Alltag funktioniert. 
Ergebnisse: Pilotzahlen und Hochrechnung

Ergebnisse aus der Pilotphase (16.5.–25.7.2024):

  • eingesetzte Handschuhe: 42 232 Stück 
  • CO₂-Einsparung total: 4096,5 kg CO₂ In der Pilotdokumentation wird die Wirkung entlang der Kette ausgewiesen (Produktion, Transport, Entsorgung). Unter anderem wird der Transport mit E-Fahrzeugen statt Diesel als relevanter Faktor genannt.

Im Umweltwirkungsbericht sind die Ergebnisse für den Zeitraum April 2024 bis März 2025 zusammengefasst:

  • 588 000 Handschuhe 
  • 62 916 kg CO₂-Einsparung über Produktion, Transport und Entsorgung. 

Vergleichswerte für diese Zahl: 3146 Bäume oder 27 236 Liter Benzin. Für uns ist dabei entscheidend: Die belastbare Kernaussage bleibt die dokumentierte CO₂-Reduktion – die Vergleiche helfen lediglich, die Grössenordnung greifbar zu machen.

Zusätzlich wurde auch das Handtuchpapier auf Recyclingmaterial umgestellt – mit weiteren 3141 kg CO₂- Ersparnis und einer Kostensenkung von über CHF 4800.

Der Mensch im Mittelpunkt 

Nachhaltigkeit beginnt nicht im Labor, sondern im Alltag. Deshalb wurde das Reinigungspersonal am Flughafen Zürich aktiv eingebunden: 

  • Anleitung zur Entsorgung in einfacher Sprache und mit klaren Handlungsanweisungen 3 
  • Motivierende Kommunikation über die gemeinsame Verantwortung für den Planeten 4 
  • Bio-Boxen an strategischen Punkten im Flughafen 

Learnings: 

Was wir unterschätzt haben - und was wir daraus ableiten

 

Ein wichtiges Learning war: Die Entsorgung ist der kritischste Prozessschritt. Das Produkt kann noch so gut sein: Wenn Handschuhe in der falschen Entsorgung landen, bricht das System. Darum ist die Anleitung an die Mitarbeitenden nicht Kommunikation, sondern ein Teil der Prozessqualität: Warum, wie, wo entsorgen – ohne Interpretationsspielraum. Was wir daraus ableiten: Boxenstandorte, Beschriftung, kurze Re-Trainings und sichtbare Verantwortlichkeit im Betrieb sind mindestens so wichtig wie die Produktwahl. 

Learning 2

 

«Biologisch abbaubar» muss sauber erklärt werden. Viele Diskussionen rund um Abbaubarkeit werden emotional geführt. Im Betrieb brauchen wir Klarheit: Unter welchen Bedingungen wird abgebaut? Wie wird das gemessen? Welche Normen sind relevant? In der Kommunikation nach innen und aussen hat sich bewährt, nicht zu überversprechen, sondern konkret zu bleiben: 

  • geprüfte Methodik (z. B. ASTM D5511, anaerobe Bedingungen) 
  • definierter Prozessweg (Sammlung -> Anlage-> Verwertung)
  • dokumentierbares Reporting

Learning 3

 

Nachhaltigkeit wird erst dann skalierbar, wenn sie messbar ist. Ein Vorteil des Systems ist, dass wir Verbrauch und Wirkung über den Zeitraum dokumentieren und reporten können. Das macht das Projekt anschlussfähig an ESG-Logiken und interne Zielsysteme – und hilft, Diskussionen zu versachlichen. 


Und als viertes Learning nahmen wir mit: Akzeptanz entsteht über «keine Nachteile». Im operativen Alltag gibt es wenig Geduld für Lösungen, die «eigentlich gut wären, aber…». Der Handschuh muss sich gleich anfühlen, gleich funktionieren, gleich schützen. Erst wenn das gegeben ist, wird Nachhaltigkeit als Zusatznutzen angenommen. 

Folgemassnahmen: Was wir als nächstes tun

Aus dem Piloten heraus ergeben sich für uns die typischen nächsten Schritte: 

  • Standardisierung der Boxenlogik (Standorte, Beschriftung, Abholrhythmus) 
  • regelmässige Kurz-Refreshers im Team (2 bis 3 Minuten reichen oft, aber sie müssen wiederholt kommen) 
  • Qualitätssicherung: Stichproben, ob die Entsorgung korrekt läuft (nicht als Kontrolle, sondern als Systempflege)
  • Ausbau des Reportings für interne Nachhaltigkeits- und Kundendokumentation 
  • Prüfung weiterer Verbrauchsmaterialien, bei denen sich eine ähnliche Logik lohnt – ohne den Betrieb zu überladen

Im Umweltwirkungsbericht wird zudem erwähnt, dass bei der Produktion weitere Reduktionsschritte erzielt wurden und auch Verpackungsthemen in den Kreislaufgedanken integriert sind: Die Verpackung der Handschuhe selber wird ebenfalls retourniert, recycelt und zusammen mit den Handschuhen von LTE abgeholt. 

Fazit: Ein kleines Produkt, grosse Wirkung - Wenn das System stimmt

Einweghandschuhe werden in vielen Betrieben nicht verschwinden. Umso wichtiger ist, dass wir solche Verbrauchsprodukte nicht aus der Nachhaltigkeitsagenda ausklammern, sondern sie sauber analysieren, konsequent umsetzen und messbar verbessern. Unser Pilot zeigt: Der Hebel ist real – nicht, weil ein Produkt plötzlich nachhaltig ist, sondern weil wir daraus einen funktionierenden Kreislaufprozess gemacht haben. Und weil wir den letzten Meter im Alltag ernst nehmen: klare Entsorgung, klare Logik, klare Verantwortlichkeit.

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